Presse & Kommunikation

04. Mai 2005   168/05  

Für mehr Erinnern ohne ein Zentrum gegen Vertreibungen
Stellungnahme der Historiker Hans Henning und Eva Hahn
 

Oldenburg. Aus Anlass des Kriegsendes vor 60 Jahren hat sich der Oldenburger Historiker und Osteuropa-Experte Prof. Dr. Hans Henning Hahn entschieden gegen Bestrebungen zur Errichtung eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in Berlin ausgesprochen. Zusammen mit seiner Ehefrau, der tschechischen Historikerin Dr. Eva Hahn, verfasste er anlässlich des Kriegsendes von 60 Jahren eine Erklärung unter dem Titel „Für mehr Erinnern ohne ein Zentrum gegen Vertreibungen“. Hahn ist ein international anerkannter Fachmann für polnische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Für seine Unterstützung der polnischen Oppositionschon in den 70er Jahren erhielt er 1999 das Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen. Gemeinsam mit seiner Frau gehört er zu den Initiatoren des internationalen Aufrufs „Für einen kritischen und aufgeklärten Vergangenheitsdiskurs“ (2003). Die Erklärung im Wortlaut:
„Es ist wohl unbestritten, dass die Erinnerungen an die Vertreibung im deutschen kollektiven Gedächtnis einen wichtigen Platz einnehmen. Offensichtlich reicht das noch nicht – oft hört man, die Vertreibung sei ein gesamteuropäisches Problem; die deutsche Nation habe die meisten Vertreibungsopfer zu beklagen und sei deshalb besonders gut dazu geeignet, die Welt aufzuklären und ihr quasi eine Lektion zu diesem Thema zu erteilen. Deshalb solle in Berlin ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV) entstehen, um der deutschen Öffentlichkeit sowie den Besuchern aus aller Welt die Geschichte aller Vertreibungen zu erklären. Die Welt solle diese Geschichte aber nicht nur so kennen lernen, wie sie die deutschen Vertriebenen sehen, sondern sie solle auch gewarnt werden: Nie wieder Vertreibungen!, heißt es Um dieses Ziel zu erreichen, hätten eben jene Schlussfolgerungen maßgebend zu sein, die führende Vertreter der deutschen Vertriebenenorganisationen aus ihren Lebenserfahrungen zögen.
Die Kritiker dieses Projekts nehmen dessen Planern nicht das Erinnern an die Vertreibung übel; sie sprechen sich jedoch deutlich gegen die Geschichtsbilder aus, die hier propagiert werden. Schon allein die Frage, an wen genau erinnert werden soll, sorgt für Unbehagen: Wer wurde wann und von wem vertrieben? Um diese Frage haben sich die Befürworter des ZgV nämlich bisher herumgemogelt. Schaut man sich die entsprechende Informationsbroschüre des „Deutschen Ostdienstes“ (hg. vom Bund der Vertriebenen) an, dann erfährt man z. B. nichts über die NS-Umsiedlungen rund einer Million Deutscher aus dem östlichen Europa, die schon 1939 begonnen haben. Damals suchte die NS-Propaganda die Betroffenen und die Öffentlichkeit mit dem Slogan „Sie verloren die Heimat, um das Vaterland zu gewinnen“ zu beschwichtigen. In Wirklichkeit verloren diese (später in der BRD als Vertriebene registrierten) Umsiedler ihre Heimat infolge einer folgenschweren und dennoch nahezu vergessenen Grundsatzrede Hitlers, die er am 6. Oktober 1939 im Reichstag hielt. Dort wies er auf die „nichthaltbaren Splitter des deutschen Volkstums“ hin, mit denen der ganze Osten und Südosten Europas gefüllt sei, und verkündete die Notwendigkeit, jene „Volkssplitter“ umzusiedeln, oder ‚heimzuführen’, wie es damals genannt wurde.
„Es ist für die Deutschen bedauerlich, wenn sie jemand bedauern will. Aber es ist weder beabsichtigt, noch läßt es sich verhindern; daraus ein großes Lamento zu machen, halte ich für falsch.“: Die zynischen Bemerkungen Himmlers über die ersten (unterwegs erfrorenen) Opfer dieser Umsiedlungen in einer Geheimrede kurz darauf lesen sich wie eine Vorwegnahme einer noch größeren humanitären Katastrophe, die fünf Jahr später von den NS-Behörden aus den gleichen Motiven verursacht wurde. Dabei handelt es sich um die Umstände und Folgen der sog. Evakuierung der deutschen Zivilbevölkerung aus den östlichen Teilen des damaligen Großdeutschen Reiches zwischen dem Sommer 1944 und Frühjahr 1945.
Darüber schweigen sich die Projektanten des ZgV ebenso aus wie über die Brutalität, mit der rund fünf Millionen Deutsche damals vom NS-Regime gezwungen wurden, ihre Heimat zu ‚räumen’. „Man fragt, was die Nazibonzen sich bei dieser zwangsweisen Vertreibung der Ostdeutschen von Haus und Hof gedacht haben“, schrieb der Generalmajor a. D. Paul Freiherr von Schoenaich am 1. März 1945 in sein Tagebuch. „Alle Ostflüchtlinge, die ich befragte, haben mir gesagt, sie seien nicht freiwillig geflohen, sondern auf polizeilichen Befehl. Keiner von ihnen glaubte, daß die Russen ihnen etwas getan hätten.“ Daraus gehe klar hervor, „daß die Ostdeutschen auf den Goebbels-Schwindel von den Bolschewisten-Greueln nicht mehr hineinfallen.“
Zum kollektiven Gedächtnis gehören alle Erinnerungen aller Vertriebenen, nicht nur jene, die bisher mit staatlichen Geldern gepflegt und gehegt worden sind. So sind auch die Aufzeichnungen des 1949 in Westfalen verstorbenen Pfarrers Paul Peikert dazuzuzählen, in denen er in Breslau am 27. März 1945 notierte: „Die Not des Volkes ist an und für sich schon so groß, das Leid und die Traurigkeit scheinen kaum noch einer Steigerung fähig zu sein und doch wird diese entsetzliche Maßnahme, ganze Stadtteile aus ihrem Heim zu vertreiben, mit so unerhörten Drohungen und mit einer mehr als frivolen Brutalität durchgeführt, dass die Menschenherzen fast zerbrechen über die Bestialität verrohter und entarteter Ortsgruppenleiter und ihrer Gehilfen.“
Dass die Verantwortung der NS-Behörden für die von ihnen verursachte humanitäre Katastrophe in der genannten ZgV-Broschüre verschwiegen wird, ist um so empörender, als die „neuen Herren“ der „alten deutschen Reichsgebiete“ für dieses NS-Verbrechen an den Pranger gestellt werden. Den USA, Großbritannien und der UdSSR wird sogar völkerrechtswidriges Verhalten mit abstrus konstruierten Opferzahlen vorgeworfen: „In den Potsdamer Protokollen vom 2. August 1945 werden die Vertreibungen völkerrechtswidrig von den Alliierten legitimiert. Mehr als 15 Millionen Deutsche waren am Ende Opfer dieser Politik.“ Will Deutschland wirklich heute noch die Beschlüsse der Alliierten aus dem Jahr 1945 revidieren?
Wäre es nicht Zeit, sich endlich mit den Erinnerungen aller Vertriebenen zu beschäftigen, anstatt allein den Verbandssprechern zuzuhören? Viele Vertriebene gehören selbst zu den Kritikern der Vertriebenenverbände. Ihre Stimmen wurden jedoch in der Nachkriegszeit von ehemaligen Nazis mit Hasstiraden traktiert, und sie werden bis heute kaum gehört. „An mangelnder Heimatliebe, wie manche argwöhnen könnten, lag es wahrlich nicht, dass ich mich fernhielt von jenen Leuten, die der Volksmund als Berufsflüchtlinge bezeichnete. Ich war irritiert und verärgert, unter den Verbandsfunktionären immer häufiger Gestalten zu entdecken, die Hitler in die Hände gearbeitet und damit den Krieg mit verursacht hatten“, schrieb unlängst der selbst aus der Tschechoslowakei 1946 ausgesiedelte Publizist Kurt Nelhiebel aus Bremen: „Ohne den Krieg – so lautete mein ganz persönliches Fazit – ohne den Krieg wäre ich noch zu Hause.“ Und er fügt hinzu: „Keiner meiner Schulfreunde rechnet sich zum Fußvolk der Verbandsfunktionäre.“
Die deutsche Öffentlichkeit braucht mehr Erinnern ohne ein ZgV, wenn sie die Geschichte der Vertreibung kennen lernen möchte. Eine Auseinandersetzung mit der staatlich unterstützten und finanzierten Erinnerungspolitik des vergangenen halben Jahrhunderts steht an, damit eine innerdeutsche Diskussion über das Projekt ZgV überhaupt erst einmal beginnen kann. Die Vertreibung ist ein viel zu wichtiger deutscher Erinnerungsort, als dass man sich mit den bisher tradierten Geschichtsbildern zufrieden geben könnte.

ⓚ Kontakt:
Prof. Dr. Hans Henning Hahn, Tel.: 0441/798-2396, priv. 04489-3406, E-Mail: hhhahn(Klammeraffe)gmx.de
 
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