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Die holländische Tomate - eine Spätfolge des Calvinismus?

Über religiöse Wurzeln der Mentalitätsunterschiede zwischen Niderländern und Deutschen / Von Anabella Weismann

Kürzlich ist das Buch "Die Niederlande und Deutschland - Einander kennen und verstehen" in deutscher und niederländischer Fassung erschienen. Herausgeber sind die Politikwissenschaftler Gebhard Moldenhauer (Universität Oldenburg) und Dr. Jans Vis (Universität Groningen). Zu den AutorInnen gehört auch die Oldenburger Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Anabella Weismann. Uni-Info druckt aus ihrem Beitrag "Die holländische Tomate - eine Spätfolge des Calvinismus. Über religiöse Wurzeln der Mentalitätsunterschiede zwischen Niederländern und Deutschen" einige Auszüge ab.

Im Folgenden möchte ich an einigen auffälligen Unterschieden im Verhalten bzw. in den Auffassungen von Niederländern und Deutschen versuchen, die Bedeutung der religiös-dogmatischen Differenzen zwischen Luthertum und Calvinismus für diese je spezifischen Mentalitätslagen darzulegen. Den großen dogmatischen und in seinen sozialen, ökonomischen und kulturellen Konsequenzen so bedeutsamen Unterschied zwischen Lutheranern und Calvinisten machen die calvinistische Prädestinationslehre, das Bilderverbot und die unterschiedliche Lösung des Theodizee-Problems aus.

Die für die Niederlande virulente Auffassung der Lehre von der doppelten Prädestination einiger weniger zu Auserwählten (electi) und der großen Masse zu Verworfenen (reprobati) ist in den fünf Artikeln der Dordrechter Synode (1618-1619) formuliert:

"1. Der Mensch ist von Natur aus verderbt.
2. Die Erwählung des Einzelnen erfolgt bedingungslos.
3. Christus starb nur für die Erwählten (begrenztes Sühneopfer).
4. Gott kann alles vollbringen, was er will (die Gnade Gottes kennt keine Grenzen).
5. Diejenigen, die Gott erwählt, werden sich ihrer Berufung nicht entziehen (Beharrung in der Gnade)" (zit. nach McGrath, Johann Calvin, S. 278)."

Die Bedeutung des calvinistischen radikalen Bilder- und Vorstellungsverbotes für die Unterdrückung der Phantasie und des symbolischen Denkens, wie sie sich in den katholischen Werkdiensten und den Heiligenlegenden geradezu "austoben" konnten, liegt auf der Hand. Stattdessen hat sie die bürgerlichen Genres der Malerei mit ihrem vordergründigen Realismus und damit die scharfe Beobachtungsgabe sowie den Empirismus überhaupt gefördert und nicht zuletzt - wie im Islam - die Kalligraphie, welche in den calvinistischen bzw. puritanischen Ländern besonders hoch entwickelt ist. Symptomatisch für das Misstrauen gegenüber einer ungegängelten Phantasie scheint mir der holländische horror vacui vor leeren Flächen, die man möglichst vermeidet bzw. durch optische Rechteck-Gitterstrukturen auflöst. Unterschiedlich gemusterte Backsteinmauern, kleingegliederte Sprossenfenster, unterschiedlich gepflasterte Trottoirs, schachbrettartige geflieste Fußböden etc. bestimmen noch heute das Straßenbild und die Innenansichten offizieller Gebäude.


Gott siezen und den Chef duzen

Niederländer finden es höchst komisch, dass die Deutschen sich untereinander siezen, selbst wenn sie sich schon lange kennen. Für die Deutschen ist das Duzen Ausdruck eines vertrauten, intimen Umgangs miteinander; aber ausgerechnet ihren Herrgott duzen sie wiederum. Umgekehrt finden die Deutschen es komisch, dass die Niederländer sich sehr schnell untereinander duzen, selbst ihren Chef (was nichts an den hierarchischen Verhältnissen ändert), aber ihren Herrgott siezen.

Der calvinistische Gott ist eher der Gott des Alten Testamentes, ein "deus absconditus", mit dem man keinen vertraulichen Umgang pflegt; ein Gott, der in seinem unergründlichen Ratschluss bereits vor dem Sündenfall Adams beschlossen hat, einige Wenige zum ewigen Leben auszuerwählen und die Übrigen zu verwerfen. Christus, Gottes Sohn, ist nur für die Auserwählten am Kreuz gestorben. Diesen allmächtigen Gott zu duzen, wäre vermessen. Luthers Gott hingegen ist eher der liebende, gütige Gott des Neuen Testamentes. Die "Rechtfertigung", die Reinwaschung von den Sünden durch die Gnade Gottes, geschieht Luther zufolge nicht durch "gute Werke", sondern allein durch den Glauben.

Die große Distanz zwischen calvinistischem Gott und Gläubigen verringert die sozialen Distanzen der Gemeindemitglieder untereinander. Sie alle sind vor Gott gleich und haften zudem als Kollektiv solidarisch gegenüber Gott dafür, dass nur der Würdige und Auserwählte das Abendmahl erhält, es aber auch erhalten muss. Woran erkennt man aber die Auserwählten? Calvin betonte noch, dass es keine äußerlich sichtbaren Anzeichen des Erwähltseins gäbe. Aber seine Nachfolger lehrten, dass neben einem strengen, christlich-sittlichen Lebenswandel vor allem Erfolge im Leben und in den Geschäften Anzeichen der Erwähltheit seien. So wurde die Arbeit als Beruf(ung) das einzige Mittel, sich der Gnade zu versichern, wobei für die Entwicklung des modernen Kapitalismus bedeutsam ist, dass sich die für Lohnarbeiter und kapitalistische Unternehmer unterschiedlichen Zeichen des Gnadenstandes gegenseitig bedingen: Dem erfolgreichen Aubeuten und Gelderwerb des einen entsprach das intensive systematisch und gehorsam Sich-Ausbeuten-Lassen der anderen.

Der Calvinismus kennt eine Kollektivverantwortung der Laien in essentiell religiösen Angelegenheiten, die nur durch permanente soziale Kontrolle - institutionalisiert in Kirchenordnung und Kirchenzucht - wie Selbstkontrolle zu erreichen ist. Dass dies den Kollektivgeist fördert, liegt auf der Hand. Mit der gegenseitigen Verantwortung der (säkularisierten) Gemeindemitglieder füreinander hängt sicher auch die - im Vergleich zu Deutschland - noch heute hervorragend funktionierende Nachbarschaftshilfe, selbst dem/der Fremden gegenüber, zusammen.

Bei Luther hingegen ist das Verhältnis des Gläubigen zu seinem Gott ein intimeres. Die Versenkung in der unio mystica ist eine per se individualistische Angelegenheit, das heißt, der Kollektivgeist wird nicht gefördert, und für die Austeilung des Abendmahls ist der Pfarrer allein verantwortlich, wie überhaupt die Laien in der lutherischen Kirche kein nennenswertes Mitbestimmungsrecht haben. Da die Lehre von der doppelten Prädestination keine Rolle spielt, sind permanente Beobachtungen und Kontrollen der Nachbarn und Gemeindemitglieder bezüglich deren Würdigkeit wie auch die systematische Selbstkontrolle nicht notwendig.


Kleine Kaffeetassen: Bloß keine Exzesse

Den ersten Kulturschock erleben Ausländer in den Niederlanden, wenn sie zum Kaffee eingeladen werden. Die Tassen sind klein, die Löffel noch kleiner, dienen allerdings nur zum Umrühren; der Zucker, von dem zumeist reichlich genommen wird, wird mit einem speziellen silbernen Zuckerschippchen portioniert. Wenn dann jeder in seiner Tasse rührt, kommt die Frau des Hauses mit einer ramponierten Blechdose, hält sie geöffnet dem Gast unter die Nase, der sich aus dieser einen Keks nimmt, woraufhin sofort der Deckel wieder geschlossen und die Dose weggestellt wird. Die deutsche Gepflogenheit, einen Teller mit Keksen oder Kuchen in die Mitte des Tisches zu stellen, wird aus niederländischer Optik als Unmäßigkeit betrachtet.

Vor dem Hintergrund des Zweiten Gebotes wird deutlich, dass die Keks-, Kaffee-, Bier- und anderen Genüsse "klein" sein müssen, da jeglicher Genuss im Verdacht der "Kreaturverherrlichung" steht. Dies Prinzip kann man wohl auf jegliches Handeln übertragen nach dem Motto "nur keine Exzesse!", was im Niederländischen mit "doe maar gewoon dan doe je al gek genoeg!" [sei normal, normal ist schon verrückt genug!] umschrieben wird. So lässt sich auch die niederländische Ambivalenz gegenüber der Arbeit begreifen. Einerseits würde man vor dem religiös-historischen Hintergrund die harte Arbeit als eine vom Calvinismus geprägte nationale Tugend vermuten (was sie für die Unterschicht stets war), andererseits ist gerade die Einstellung "arbeiten um zu leben und nicht leben um zu arbeiten" in den Niederlanden populär, während das Umgekehrte eher den Deutschen unterstellt wird, die als über Gebühr gründlich, fleißig und gewissenhaft in ihrer Arbeit gelten.


Verklemmt und etwas weniger verklemmt

Wenn schon harmlose Genüsse im Verdacht der "Kreaturverherrlichung" stehen, um wie viel mehr dann die Liebe und die Sexualität. Wer seine Frau bzw. seinen Mann liebt, kann der noch Gott lieben? Der Unterschied zwischen calvinistischem und etwas weniger 'verklemmtem' lutherischen Umgang mit der Sexualität lässt sich nur auf komplex-minimale Differenzen in den entsprechenden Familien- und Sexualethiken zurückführen: "Das Luthertum gibt mit der Erbsündelehre die Konkupiszenz völlig als sündlich preis, läßt aber das triebhaftsündige Element in der Einschränkung durch die Ehe bestehen, während der Calvinismus jene Sündhaftigkeit weniger betont, dagegen die Eheführung unter die strengste rationale Kontrolle ihrer Leistung für das Gemeinwesen stellt und die triebhafte Leidenschaft durch sachliche Erwägungen und Abzweckungen bricht." (Troeltsch, Soziallehren, S. 732f.)

Dies hat in den Niederlanden einerseits dazu geführt, dass die Stellung der Frau in der Ehe weit weniger autoritativ war und ist als im katholisch-lutherisch geprägten Deutschland, andererseits zu einer stärkeren Triebunterdrückung. Gegen welche Widerstände die gesellschaftlich nützliche Versachlichung der Sexualität antreten muss(te), lässt das exsekratorische Verhalten der Niederländer ahnen, die, im Gegensatz zu den anal fluchenden Deutschen, genital fluchen.


Vom Mythos der niederländischen Toleranz

Die Toleranz als nationale Eigenschaft gehört zum Selbstbild wie Fremdbild der Niederländer. Sie ist historisch begründet durch die berühmte Sylvesteransprache Wilhelms von Oranien 1564, in der er die Abschaffung der Inquisition und der Ketzeredikte forderte. Tatsächlich herrschte in der jungen Republik keineswegs Glaubensfreiheit: Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts erhielten die Remonstranten, Katholiken, Täufer und Lutheraner Gottesdienstfreiheit, vorausgesetzt ihre Gotteshäuser waren nicht als Kirchen erkennbar. Gesellschaftliche Emanzipation erlangten die Katholiken erst im 19. Jahrhundert.

Nicht nur in historischer Hinsicht ist der Begriff der niederländischen Toleranz problematisch, auch in aktueller: Es handelt sich eher um eine Art Gleichgültigkeit, ein freundliches Desinteresse, wenn man so will eine passive Toleranz im Gegensatz zur aktiven Toleranz, die Kommunikation und Interaktion mit dem/den Anderen voraussetzt. Die Toleranz im Sinne von freundlicher Gleichgültigkeit hat ebenfalls religiöse, calvinistische Wurzeln: es ist die Haltung des sich seines Gnadenstandes gewissen Gläubigen. Überzeugungsarbeit als säkularisierte Missionierung wird nicht geleistet; der Alt-Calvinismus kennt keine Missionierung, sie wäre nur Zeitverschwendung, mit der man zudem Gott noch ins Handwerk pfuschen würde. Was aus ausländischer Perspektive als politische Toleranz gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen einerseits und liberalere Handhabung strafrechtlicher Bestimmungen (beispielsweise bezüglich Abortus oder Drogen) erscheint, entspringt einem politischen Pragmatismus, der dem niederländischen Rechtssystem innerhalb des Strafrechts große Spielräume für Opportunitätserwägungen einräumt, während im deutschen Strafrecht dergleichen Spielräume extrem gering sind.


Die holländische Tomate als calvinistische Spätfolge

Wer je in eine sonnengereifte südeuropäische Tomate, frisch vom Felde gepflückt, gebissen hat, weiß wie Tomaten schmecken können. Den calvinistischen Niederlanden hingegen blieb diese Frucht bis heute ein Problem. Nachdem der Export holländischer Tomaten nach Deutschland von 1990 bis 1994 um fast 50 Prozent zurückgegangen war, startete die niederländische Agrarwirtschaft unter dem Slogan "Ackern für Deutschland" eine Werbekampagne mit einem jährlichen Budget von 4,5 Millionen Gulden. Den Niederländern scheinen die eigenen Tomaten allerdings nach wie vor nicht zu schmecken, wie der geringe Pro-Kopf-Verbrauch von 4,2 kg zeigt, während die Deutschen mit 8,8 kg mehr als das Doppelte konsumieren.

In ihrer vollkommenen äußeren Gestalt, prall, rund, sinnlich, glänzend, fleckenlos, strahlend rot, ist die holländische Tomate eine bleibende Erinnerung an das verlorene Paradies. Auch wenn man ihr präsentables Äußeres utilitaristisch rationalisierend als Verkaufsanreiz interpretiert: Sie bleibt Erinnerung an und Verlockung zu ungehemmten Sinnenfreuden, Erinnerung an ein Utopia ohne Arbeit und ohne moralische Beschränkungen. Und dann der plötzliche Wechsel von der Augenlust zur Realisierung der Begehrlichkeit im Biss hinein - der fade, wässrige, papp-styroporartige Geschmack erinnert unmittelbar an das calvinistische Zweite Gebot, das Bilderverbot, das für Luther so unwichtig war, dass er es unter das erste subsumierte: "Du sollst Dir kein Bildnis noch Gleichnis machen...", du sollst dir nicht in deiner Phantasie eine glückliche, lustbetonte, freudvolle Welt ohne Sorgen und Schufterei ausmalen. Du sollst nicht genießen, Genuss ist Wollust, Wollust ist Sünde, Kreaturverherrlichung, Abgötterei: "Bete sie nicht an und diene ihnen nicht..." Deshalb wird in den calvinistisch geprägten Niederlanden die Tomate nicht als Objekt des Genusses, sondern als Handelsobjekt gezüchtet.

Name und äußerliche Schönheit der Tomate als Abglanz des Paradieses weisen auf das Jenseits, aber auch auf die Ursachen der Vertreibung aus dem Paradies: Der Mensch aß, von Schlange und Weib verführt, die Frucht vom "Baum des Wissens, was Gut und Böse ist" - wie es in der niederländischen wörtlichen Bibelübersetzung heißt. Und so wie das verführerische Äußere der holländischen Tomate einen Abglanz des Paradieses und der kommenden Herrlichkeit bewahrt, so erinnert der Biss hinein immer wieder erneut schmerzlich an den Sündenfall und die ewige Zweiklassengesellschaft von vielen Verdammten/reprobati und wenigen Auserwählten/electi. Und da wir nicht wissen, zu welcher Klasse wir gehören, kann die kleine Freude des Augenschmauses uns nicht über die Unsicherheit unseres Schicksals in der Ewigkeit hinwegtäuschen. Die Angst um diese Ungewissheit können wir nur - das ist der Kern der Weberschen These von der protestantischen Ethik - 'arbeitstherapeutisch verdrängen' durch fleißiges "Ackern" und häufen dabei ungewollt Reichtümer, die sich weiter vermehren, da wir sie nicht genießen können.