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UNI-INFO
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Nachhaltigkeit: Große Themen liegen in der Region
Studierende liefern ersten Nachhaltigkeitsbericht der Universität / Vom Mastercluster über CENTOS bis zu studentischen Initiativen
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aum-Zeit Geometrien, Schwar-
ze Löcher und Wurmlöcher oder
Zeitmessung auf Satelliten: Im März
2012 startete das von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG) ge-
förderte Graduiertenkolleg „Models
of Gravity“, das sich mit Fragen rund
um die Relativitätstheorie beschäftigt
– und inzwischen eine Frauenquote
von 50 Prozent aufweist.
UNI-INFO: Frau Grunau, Sie schreiben
Ihre Doktorarbeit am Graduiertenkolleg
über Schwarze Löcher. Sind Sie Science
Fiction-Fan?
GRUNAU: Der Verdacht könnte sich
aufdrängen. Und vermutlich hat fast je-
der, der Physik studiert, einen Hang zur
Science Fiction. Im Ernst: Ich schrieb
meine Masterarbeit über die Gravita-
tion – sie ist eine der Grundkräfte im
Universum, und wir haben sie immer
noch nicht richtig verstanden. Das war
unheimlich spannend. Jetzt promoviere
ich zu Schwarzen Löchern in höheren
Dimensionen – Schwarze Löcher sind
das Extrem an Gravitation, das wir ken-
nen.
HERRLING: Das Graduiertenkolleg ist
bundesweit das einzige Graduiertenkol-
leg ausschließlich zur Gravitationsphy-
sik. Es vereint unterschiedlichste For-
„Neue Sichtweisen auf meine Forschung“
Graduiertenkolleg „Models of Gravity“: Interview mit Koordinatorin Regina Herrling und Doktorandin Saskia Grunau
schungsfelder der Gravitationsphysik
und führt Grundlagenforschung auch
im Hinblick auf praktische Anwen-
dungen durch. Beispielsweise spielt
das Verständnis von Gravitation beim
Global Positioning System – dem GPS
– eine wichtige Rolle.
UNI-INFO: Federführend ist das Kol-
leg an den Universitäten Oldenburg
und Bremen angesiedelt. Wie sieht die
Zusammenarbeit aus?
HERRLING: Die Universitäten Ol-
denburg und Bremen sind gleich-
berechtigte Sprecheruniversitäten.
Wobei die Organisation und Verwal-
tung für die erste Laufzeit in Bremen
angesiedelt sind. 2016 – wenn das
Graduiertenkolleg hoffentlich verlän-
gert wird – wechseln sie dann an die
Universität Oldenburg. Zudem sind
an Models of Gravity die Universität
Hannover mit dem Exzellenzcluster
Quest, die Universität Bielefeld, die
Jacobs University Bremen sowie das
Niels Bohr Institut der Universität
Kopenhagen beteiligt.
UNI-INFO: Das Graduiertenkolleg
bietet seinen 21 Doktoranden ein struk-
turiertes Promotionsprogramm an. Was
ist das Besondere?
HERRLING: Zum Beispiel die Betreu-
ung: Jeder Promovend hat zwei Betreu-
er, die sich intensiv um ihn kümmern,
wobei der Zweitbetreuer von einer an-
deren Universität kommt.
GRUNAU: Mein Zweitbetreuer sitzt in
Kopenhagen. Ohne das Graduierten-
kolleg wäre der Kontakt nie zustande
gekommen. Die Zusammenarbeit ist
hervorragend und ich plane in diesem
Jahr einen Forschungsaufenthalt in Ko-
penhagen.
UNI-INFO: Gibt es weitere Vorteile?
HERRLING: Wir stellen die wissen-
schaftliche Arbeit der Mitglieder sehr
stark in den Fokus: Es gibt pro Semester
drei Kolloquiumstage mit Vorträgen
von externen Sprechern, zweimal im
Jahr Workshops, auf denen die Teil-
nehmer ihre Forschungsergebnisse,
den Stand ihrer Promotion einer großen
Gruppe präsentieren. Wir laden hoch-
karätige Experten zu unseren Vorträgen
ein, und einmal im Jahr findet eine
Winter School statt, an der exzellente
internationale Wissenschaftler teilneh-
men, die eng mit den Promovenden zu-
sammenarbeiten und wissenschaftliche
Fortbildung betreiben.
GRUNAU: Das Kolleg vereint Wis-
senschaftlerinnen und Wissenschaftler
mit den unterschiedlichsten Interessen
im Bereich der Gravitation: Einige be-
schäftigen sich mit Schwarzen Löchern,
andere interessieren sich für die String-
theorie oder arbeiten zu Neutronenster-
nen. Durch das Kolleg lerne ich sie und
ihre Forschung kennen. Ich forsche also
nicht alleine vor mich hin – sondern
ich bekomme ein Feedback auf meine
Arbeit und oftmals neue Impulse, eine
neue Sichtweise auf meine Forschung.
UNI-INFO: Das Kolleg bietet auch
Weiterbildungsmaßnahmen zu soge-
nannten Soft-Skills an ...
HERRLING: Ja, wir veranstalteten
bereits Kurse zur Drittmittelakquise
oder zur Wissenschaftsvermittlung
auf Englisch. Ebenfalls fanden indi-
viduelle Karrierecoachings statt und
Exkursionen zu Unternehmen, die
als potenzielle Arbeitgeber für Gra-
viationsphysikerinnen und -physiker
interessant sein könnten. Ein wichtiger
Punkt sind Kurse zur Frauenförde-
rung.
UNI-INFO: Die Förderung von Frauen
ist ein großes Anliegen des Kollegs…
HERRLING: Das Kolleg hat mittler-
weile eine Frauenquote von 50 Prozent.
Das ist absolut ungewöhnlich für die
Physik. Hier liegt der Anteil der weib-
lichen Promovierenden bei 20 Prozent.
Aber Prof. Dr. Claus Lämmerzahl und
Prof. Dr. Jutta Kunz, die beiden Spre-
cher des Graduiertenkollegs, legen
großen Wert auf Frauenförderung.
Es ist ein erklärtes Ziel, Frauen bei
einer Hochschulkarriere pro-aktiv zu
unterstützen. Deswegen veranstalten
wir spezielle Fortbildungen für unsere
Doktorandinnen und PostDocs und
ermöglichen ihnen, durch die Gestal-
tung von Vorlesungen und durch Gre-
mienarbeit im Fachbereich sichtbar
zu werden.
UNI-INFO: Sie gehen mit dem Gra-
duiertenkolleg auch gezielt in die
Öffentlichkeit, um Mädchen für das
vermeintlich männerspezifische For-
schungsgebiet zu begeistern.
HERRLING: Ja, wir nehmen jedes Jahr
am Girls’ Day teil. Doktorandinnen
engagieren sich beispielsweise auch an
Kinder-Universitäten oder an Veranstal-
tungen wie dem „Weltrettertag“, um zu
zeigen, dass Physik eben auch ein Fach
für Frauen ist.
GRUNAU: Ich habe an einem MIN-
TIA-Projekt mitgea rbeitet. Dor t
hielten wir Vorträge über Schwarze
Löcher. Im Anschluss sind wir gezielt
auf die Schülerinnen zugegangen und
haben mit ihnen über die Thematik
gesprochen. Sie waren absolut begeis-
tert und sehr interessiert an unserer
Forschung.
Interview: Tobias Kolb
Schrauben in der Fahrradwerkstatt der Uni: Studierende verzichten überdurchschnittlich häufig auf das Auto, um die Universität zu erreichen.
Foto: Daniel Schmidt
Zum Thema
UNI-INFO: Was war der Auslöser
für den Bericht?
SIEBENHÜNER: Es gab mehrere.
Zum einen kann die Universität auf
eine lange Erfahrung in der Erfor-
schung von Nachhaltigkeitsproble-
men zurückblicken. Zum zweiten
werden Fragen der Nachhaltigkeit
von Universitäten und der Nachhal-
tigkeitsberichterstattung schon seit
mehreren Jahren in Bachelor- und
Masterveranstaltungen diskutiert.
So konnten wir auf konzeptionelle
Vorarbeiten und eine von Stu-
dierenden entwickelte Software
zurückgreifen. Auf dieser Basis
wurden im Sommersemester 2012
Studierende aktiv, entwickelten ein
Konzept, sammelten Daten und
erstellten Texte und Tabellen. Pa-
rallel hatte sich das Präsidium mit
Optionen der Nachhaltigkeitsbe-
richterstattung befasst und grünes
Licht für die Ausarbeitung eines
Berichts gegeben – und das fertige
Produkt auch beschlossen.
UNI-INFO: Wie geht es weiter?
SIEBENHÜNER: Zunächst freue
ich mich über Rückmeldungen
zum Bericht von Mitarbeitern und
Studierenden, die neue Seiten an
ihrer Universität entdecken und
sich über die Sichtbarkeit ihrer
Initiativen freuen. Ich erhoffe mir
weitere Diskussionen über die bis-
herigen Leistungen und Möglich-
keiten der Verbesserung in zentra-
len Aspekten der Nachhaltigkeit,
wie der Energieeffizienz an den
Uni-Standorten oder die weitere
Verankerung von Nachhaltigkeits-
belangen. Die Vorstellung des Be-
richts hat gezeigt, dass es noch
einiges Potenzial gibt und wir auf
die Unterstützung von zahlreichen
Akteuren bauen können – wie wir
sie schon zur Erstellung des Be-
richts erfahren durften.
D
ie Universität hat erstmals einen
Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt.
Darin sind bisherige Aktivitäten rund
um das Thema Nachhaltigkeit an der
Universität verzeichnet. Realisiert ha-
ben den Bericht Studierende unter der
Leitung des Ökonomen und Vizeprä-
sidenten für wissenschaftlichen Nach-
wuchs und Qualitätsmanagement, Prof.
Dr. Bernd Siebenhüner.
Der Bericht orientiert sich an den Stan-
dards der Global Reporting Initiative
(GRI) und gibt Auskunft über die Akti-
vitäten in Forschung und Lehre, die Ge-
staltung von Arbeitsplätzen, die ökono-
mische Leistungsfähigkeit, den Umgang
mit Ressourcen sowie mit Mobilität. Die
Studierenden haben mit zahlreichen
WissenschaftlerInnen genauso wie mit
MitarbeiterInnen aus dem Dienstlei-
stungs- und Verwaltungsbereich ge-
sprochen – und herausgearbeitet, was
ein zukunftsfähiger und leistungsstarker
Hochschulbetrieb zur Lösung dring-
licher gesellschaftlicher Herausforde-
rungen beitragen kann.
„Mit Blick auf die Nachhaltigkeit ist die
Universität Oldenburg gut aufgestellt“,
resümiert Universitätspräsidentin Prof.
Dr. Babette Simon. Im Vergleich zu
vielen anderen Universitäten in Deutsch-
land verfüge sie über ein breites und
komplementär angelegtes Lehrprofil
der Masterstudiengänge im Nachhal-
tigkeitsbereich. Herzstück der Nach-
haltigkeitslehre, so zeigt der Bericht, ist
der Mastercluster „Umwelt und Nach-
haltigkeit“, den das universitätsweite
Zentrum für Umwelt- und Nachhal-
tigkeitsforschung COAST koordiniert
– eines der disziplinübergreifenden
Zentren der Nachhaltigkeitsforschung
an der Universität, zu denen auch das
Institut für Chemie und Biologie des
Meeres (ICBM) gehört, das Zentrum
für Windenergieforschung der Universi-
täten Oldenburg, Hannover und Bremen
(ForWind), das Centre for Environmen-
tal Modelling (CEM), das Oldenburg
Center for Sustainability Economics and
Management (CENTOS) sowie das Zen-
trum für nachhaltige Raumentwicklung
in Oldenburg (ZENARiO).
Nachhaltigkeitsthemen – auch das ar-
beitet der Bericht heraus – spielen an
der Universität bereits seit ihrer Grün-
dung vor 40 Jahren eine wichtige Rol-
le. Die früh begonnene Forschung zu
erneuerbaren Energiequellen ist nur
ein Beispiel dafür. Auch heute liegen
die zentralen Themen der Nachhaltig-
keitsforschung in der Region: in der
Meeres- und Küstenforschung, den
erneuerbaren Energien und der Nach-
haltigkeitsökonomie vor allem mit re-
gionalem Bezug. Ausgehend von diesen
Themen sind neue Initiativen entstan-
den, zum Beispiel in der Umweltmo-
dellierung oder der ökonomischen und
gesellschaftlichen Analyse nachhaltiger
Wandlungsprozesse. Darunter sind auch
studentische Initiativen wie etwa die
„NachDenkstatt“, die Nachhaltigkeits-
themen von der Wissenschaft in die
Praxis überführen möchte, sowie das
„Student Network for Ethics in Econo-
mics and Practice (sneep)“.
Die Bestandsaufnahme des Nachhal-
tigkeitsberichts hat auch ergeben: Die
Studierenden der Universität verzichten
überdurchschnittlich häufig auf das
Auto, um die Universität zu erreichen –
ein hoher Anteil nutzt dafür das Fahrrad
oder den öffentlichen Nahverkehr. „Bei
allen positiven Ergebnissen unseres
Nachhaltigkeitsberichts gibt es aber
auch Punkte, in denen wir uns weiter
verbessern möchten“, betont Sieben-
hüner. Diskussionspunkte seien die
Entwicklung von Nachhaltigkeitszielen
etwa zur Reduktion des Energiever-
brauchs oder der Treibhausgase auf
dem Campus und die Einführung eines
Energiemanagementsystems. (mr)
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im-profil/nachhaltigkeitsbericht
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