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29. April 1998   125/98

Fragwürdige Studien über Vorurteile junger Niederländer gegenüber Deutschen

Oldenburg. Deutschland ist undemokratisch, kriegslüstern und will die Welt beherrschen, die Deutschen sind arrogant, hochnäsig und unangenehm - so urteilen niederländische Jugendliche über ihre Nachbarn, jedenfalls wenn man den Untersuchungen niederländischer WissenschaftlerInnen glauben darf. Unter dem Namen „Clingendael-Studien“ sind diese Untersuchungen, die in den Niederlanden, aber auch in Deutschland ein lebhaftes Echo auslösten, bekannt geworden. Befragt wurden zwischen 1993 und 1995 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren zu ihren Einstellungen über Länder der Europäischen Union einschließlich Deutschlands. In einer weiteren Untersuchung, die das Clingendael-Institut im November 1997 veröffentlichte, werden die älteren Befragungen erneut bestätigt (Henk Dekker, Rob Aspeslagh, Bastian Winkel: Burenverdriet - Attituden ten aanzien van de lidstaten van de Europese Unie - ‘s Gravenhage, 1997).

Doch die Studien sind sowohl wissenschaftsmethodisch wie politisch äußerst fragwürdig. Sie können keinen repräsentativen Anspruch reklamieren, da das Sample für die Gruppe der Jugendlichen nicht typisch ist. Überdies wird nicht selten mit Suggestivfragen gearbeitet, und es fehlen qualitative Begleitstudien. Zu diesem Urteil gelangt der Oldenburger Politologe Prof. Dr. Rüdiger Meyenberg in einem Aufsatz für das Forschungsmagazin EINBLICKE der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg („Die Vorurteile gegenüber Deutschen sind eine Aufgabe der Niederländer selbst“, EINBLICKE Nr. 27, S. 25-27). Meyenberg ist an der Universität Oldenburg Leiter der Arbeitsstelle „Europäische Integration und politische Bildung“.

Eine große Schwäche der Untersuchungen liege in der isolierten Fragestellung, meint Meyenberg und erklärt wörtlich: „Offensichtlich wollen die Wissenschaftler doch das politische Bewußtsein von Jugendlichen analysieren und dabei auch Aspekte von Haltungen und Einstellungen gegenüber Deutschland berücksichtigen. Wie ist aber z.B. das Interesse der Befragten an Politik, an gesellschaftlichen Ereignissen, wie ihre Werteorientierung, die ja eine wichtige Grundlage menschlichen Urteilens und Verhaltens ist? Wie urteilen sie über (damals) aktuelle Ereignisse, Golfkrieg, Bürgerkrieg in Jugoslawien, in denen auch holländisches Militär massiv involviert war? Wie denken sie über das Auftreten von neofaschistischen Gruppen in den Niederlanden?“ Doch solche Fragen und Antworten suche man vergeblich.

Meyenberg moniert überdies, daß die Untersuchungsergebnisse teilweise nur referiert und zu wenig interpretiert würden: „Warum werden z.B. Frankreich, Schweden, Portugal, Irland und auch Finnland bei den Befragten ‘schlechter’ beurteilt als Deutschland? 1993 stand Deutschland noch auf dem vorletzten Platz der Sympathieskala, während es sich 1997 um 4 Plätze verbessert hat.“ Auf diese Phänomene werde nicht eingegangen. Nach Ansicht des Oldenburger Wissenschaftlers wäre es bildungspolitisch sinnvoller, sich damit zu beschäftigen, wie junge Menschen in den Niederlanden auf ein zusammenwachsendes Europa vorbereitet werden könnten, anstatt immer wieder problematische Untersuchungsergebnisse zu publizieren.

Wesentliche Ursachen für das dennoch einseitige Deutschlandbild in den Niederländen sieht Meyenberg in dem vorherrschenden Geschichtsunterricht, aber auch in einer „Gedenkkultur“, die immer wieder auf den „bösen Nachbarn“ zeige. Ohne die deutschen Verbrechen gegenüber dem Nachbarvolk in irgendeiner Weise verharmlosen zu wollen, müsse gefragt werden, warum die problematischen Seiten der eigenen Geschichte offenbar immer noch erfolgreich verdrängt würden, etwa die Massaker während des indonesischen Unabhängigkeitskrieges oder die scharfen Einwanderungsbestimmungen gegenüber Juden in den 30er Jahren.

Die Vorurteile und die politische Haltung gegenüber den Deutschen sei eine politische und pädagogische Aufgabe der Niederländer selbst, konstatiert Meyenberg; auch wenn sie die Deutschen nicht unberührt lassen dürften, „da wir einen Spiegel vorgehalten bekommen, der trotz Verzerrungen Hinweise darauf gibt, welches Bild man sich im Ausland von uns macht“.

 

Kontakt: Prof. Dr. Rüdiger Meyenberg, Arbeitsstelle „Europäische Integration und politische Bildung“, Fachbereich 3 Sozialwissenschaften, Tel.: 0441/798-2620, Fax: -2624, E-Mail: Meyenberg@hrz1.uni-oldenburg.de

(Stand: 20.04.2022)