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Jürgen Heumann

 

9. November 1998   323/98

Religionspädagoge schlägt Integrationsfach statt Religions- oder Ethikunterricht vor

Oldenburg. Schulische Bildung müsse künftig so gewährleistet sein, "daß bei aller Verschiedenheit ein gemeinsames Welterbe weitergetragen wird und Platon und Buddha ebenso als wegweisende Orientierung von Schülerinnen und Schülern erkannt werden wie Abraham, Jesus, Muhammed oder Laotse". Diese Forderung erhebt der Oldenburger evangelische Religionspädagoge Prof. Dr. Jürgen Heumann in einem Aufsatz, der in der jüngsten Ausgabe des Oldenburger Universitätsforschungsmagazins EINBLICKE erschienen ist ("Religionsunterricht zwischen Bildungsauftrag, Patchworkreligiosität und Glaubensfreiheit", EINBLICKE Nr. 28, S. 14-16). Heumann befaßt sich darin mit den zunehmenden Akzeptanzproblemen des kirchlich verantworteten Religionsunterrichts sowie den aktuellen juristischen Auseinandersetzungen um Ersatzfächer wie "Werte und Normen".

Hintergrund für die Forderungen sind nicht zuletzt die Ergebnisse neuerer Studien, wonach unter Jugendlichen völlig verschiedene religiöse Strömungen existieren. Heumann: "Da gibt es christlich orientierte Jugendliche, die sich der traditionellen kirchlichen Orientierung widersetzen, gleichwohl den christlichen Glauben für ihr Leben aber fruchtbar machen wollen; da gibt es atheistisch orientierte Jugendliche, die großen Wert auf eine selbständige Lebensgestaltung legen; da gibt es spiritualistisch orientierte Jugendliche (...); da gibt es muslimisch orientierte Jugendliche in ihrer Spaltung zwischen Tradition, Familie und Moderne." Aufschlußreich sei, daß trotz einer "Erosion des Gottesbegriffs" in der Gesamtbevölkerung eine Sinnstruktur keineswegs geleugnet werde, sondern im Gegenteil sogar hohe Akzeptanz besitze.

Heumann bezweifelt, ob die übliche scharfe Trennung zwischen kirchlich verantwortetem Religionsunterricht, der auf Akzeptanz bei Schülerinnen und Schülern hinwirke ("die eigene Religion ist die richtige") und anderen staatlich verantworteten Unterrichtsfächern wie "Werte und Normen", wo es in erste Linie um Sachinformation gehe, dem Bildungsauftrag gerecht wird: "Kann z.B. die Philosophie der Aufklärung wirklich nur als historisches Faktum gelehrt werden, müssen nicht Jugendliche sich identifizieren mit einem ‚Ausgang aus Unmündigkeit', um nicht jedem Guru aufzusitzen?"

Der Oldenburger Wissenschaftler schlägt statt dessen ein "Integrationsfach" im Bereich Religion, Ethik, Philosophie vor, das sich, "die jeweiligen Fachidentitäten respektierend, konsequent einem umfassenden Bildungsanspruch von Schülern stellt". Zu dem Argument, daß dies auf eine Nivellierung der Fächer hinauslaufe und eine religiöse bzw. ethische Identitätsbildung dann nicht mehr möglich sei, merkt Heumann an, daß eine Identitätsbildung immer auch Ergebnis der Auseinandersetzung unterschiedlichster Gottes- und Weltbilder sei. Kommende Generationen, so Heumann, würden "auch, aber sicher nicht nur, Halt und Orientierung in einer Religion und Philosophie suchen. Sie werden zunehmend nach dem Gemeinsamen fragen." Ein schulisches Integrationsfach sei die sinnvollste Antwort. Die gesetzlichen Regelungen böten nicht nur Schranken, sondern auch Möglichkeiten, die es produktiv weiterzuentwickeln gelte.

Kontakt: Prof. Dr. Jürgen Heumann, Fachbereich 3 Sozialwissenschaften, Ev. Theologie,
Tel. 0441/798-4514, priv. 0441/593920, e-mail:

Der EINBLICKE-Artikel im Internet: www.admin.uni-oldenburg.de/presse/einblick/

(Stand: 20.04.2022)