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27. Mai 1999   144/99

Agenda 21: Umsetzung auf lokaler Ebene

Oldenburg. Am Beispiel einer ländlichen Gemeinde im Landkreis Oldenburg (Ganderkesee, 30.000 Einwohner) ist an der Universität Oldenburg für die Umsetzung der “Lokalen Agenda 21” ein Set von Indikatoren entwickelt worden, das auch auf andere Kommunen übertragbar ist. Wissenschaftler Leiter des Projekts, an dem Studierende maßgeblich beteiligt waren, ist der Sozialwissenschaftler Dr. Hilmar Westholm. Die Ergebnisse werden in der jüngsten Ausgabe des Universitätsforschungsmagazins EINBLICKE vorgestellt (Hilmar Westholm, Michael Greif, Philip Rigley: Wegweiser zur Nachhaltigkeit, EINBLICKE Nr. 29, S. 17-19).

Mit dem Indikatorenset kann eine zukunftsfähige, „nachhaltige“ Entwicklung bestimmt werden. Nachhaltige Entwicklung, aus dem englischen „sustainable development“ abgeleitet, beschreibt einen gesellschaftlichen Prozeß, in dem ökonomische, soziale und ökologische Aspekte vernetzt werden. Zugleich sollen Abhängigkeiten zwischen den Produktions- und Konsummustern in den hochentwickelten Industriestaaten und der Armut, dem Hunger und der Unterentwicklung in den Staaten des Südens aufgezeigt und Veränderungen angemahnt werden. Nachhaltig ist eine Entwicklung, wenn die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Konkretisiert wurde diese Formel auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro, auf der die „Agenda 21“ verabschiedet wurde, ein Handlungsprogramm für die Weltstaatengemeinschaft für das kommende Jahrhundert.

Der Agenda-Prozeß ist auf eine breite Einbindung der Öffentlichkeit angewiesen. Grundlage für einen notwendigen breiten konstruktiven Diskurs ist der Zugang zu verständlich aufbereiteten Informationen, was mit Hilfe eines Indikatorensets gewährleistet werden kann.

Grundlage für die Entwicklung des Indikatorensets der Gemeinde Ganderkesee waren vor allem, neben bereits bestehenden Beispielen aus anderen Gemeinden, Intensiv-Interviews mit Personen aus der Gemeinde, die unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche repräsentierten. Auf diese Weise konnten Charakteristika, Stärken und Schwächen der Gemeinde sowie Zielvorstellungen visionärer und konkreter Art über eine mögliche zukünftige Entwicklung herausgearbeitet werden. Das vorliegende Set enthält einige Indikatoren, die speziell auf die Gemeinde zugeschnitten sind, darüber hinaus aber ist ein Großteil der Indikatoren auch auf andere Kommunen übertragbar. Diese müssen dann jedoch wieder den spezifischen Gegebenheiten angepaßt werden.

Gegliedert sind die insgesamt 36 Indikatoren nach den Kernbereichen nachhaltiger Entwicklung: Ökologie, Ökonomie, Soziales und Gesellschaft sowie Entwicklungspolitik. Zahlreiche Indikatoren haben Querschnittscharakter. So weist beispielsweise das Themenfeld “Verkehr” Bezüge sowohl zum Sozialen als auch zur Ökonomie und zur Ökologie auf. Das Indikatorenset ist nur in seiner Gesamtheit schlüssig und aussagekräftig. In diesem Sinne bildet es einen Grundsatz nachhaltiger Entwicklung ab - die Erkenntnis, daß nur eine sektorübergreifende, interdisziplinäre Sichtweise der Komplexität der gesellschaftlichen Probleme angemessen sein kann.

Innerhalb des Indikatorensets offenbaren sich Zielkonflikte einer nachhaltigen kommunalen Entwicklung. So zeigt sich beispielsweise, daß ökologische Nachhaltigkeitsziele zum Umgang mit nicht-erneuerbaren Ressourcen nicht nur mit ökonomischen Zielsetzungen einer wachsenden Gewerbeentwicklung kollidieren können. Auch soziale Forderungen nach dem Erhalt der dörflichen Gemeinschaft durch Schaffung von Baumöglichkeiten für junge Gemeindemitglieder geraten massiv in Konflikt mit ökologischen Zielen. Dieses Konfliktpotential macht deutlich, daß die Erarbeitung von Indikatoren von einem breiten Konsultations- und Diskussionsprozeß über Entwicklungsziele der Gemeinde begleitet sein sollte. Hier müssen Wertentscheidungen getroffen, Prioritäten gesetzt und damit der Weg zu einer zukunftsfähigen Gemeinde umrissen werden.

Kontakt: Dr. Hilmar Westholm, Institut für Politi

(Stand: 20.04.2022)