Kontakt

Presse & Kommunikation

Pressemitteilungen

 

» Druckversion

 

» Oktober 2005
» Gesamtübersicht

Jürgen Heumann

 

17. Oktober 2005   371/05   Forschung

„Ohne Gott könnt ich mir die Welt überhaupt nicht vorstellen“
Doktorarbeit über „Gott in Kinderköpfen und Kinderherzen“

Oldenburg. Auch Kinder, die nicht oder kaum religiös erzogen sind, haben ein großes Bedürfnis nach Religion bzw. Gott. Zu diesem Ergebnis gelangt die Religionswissenschaftlerin und ehemalige Grundschullehrerin Dr. Ilse Flöter in ihrer Dissertation, die sie kürzlich im Fach Evangelische Theologie der Universität abgeschlossen hat („Gott in Kinderköpfen und Kinderherzen. Welche Rolle spielt Gott im Alltagsleben 10-jähriger Kinder am Anfang des 21. Jahrhunderts. Eine qualitativ-empirische Untersuchung“). Für ihre Arbeit, die von Prof. Dr. Jürgen Heumann betreut wurde, befragte Flöter in einer Kleinstadt 108 Grundschulkinder eines vierten Jahrgangs. Mit 32 von ihnen führte sie ausführliche persönliche Gespräche. Als Ergebnis der Gespräche kristallisierten sich die Themen religiöse Sozialisation, Gottesvorstellungen und Gottesbeziehungen heraus, sowie drei Gruppen von Kindern: die „Mehrheitskinder“, die kaum oder nicht religiös sozialisiert sind, Muslime sowie „Evangelikale“.
Die Wissenschaftlerin war überrascht über „die große Bereitwilligkeit, ja Begeisterung, mit der die Kinder sich zum Thema äußerten“. Das Bedürfnis der Kinder, mit jemandem persönlich über ihre Vorstellungen und Gedanken zum Thema Religion und Gott zu sprechen, war so groß, dass Flöter von den Kindern regelrecht bestürmt wurde.
Die Mehrheitskinder zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Haus aus nur noch wenig religiös sozialisiert werden. Charakteristisch hierfür ist Charlottes Antwort auf die Frage, wann sie denn das erste Mal über Gott nachgedacht habe: „Eigentlich, als ich in die erste Klasse gekommen bin, und als wir angefangen haben, Religion zu haben. Vorher wusste ich ja gar nicht, dass es Jesus gibt oder Gott.“
Dass die Frage nach Gott aber auch schon vorher auftaucht, berichtete Kevin, dem das Wort „Gott“ begegnet war. „Ich habe Mama gefragt, was ist das eigentlich, Gott? Da hat sie mir das erzählt. Gott ist irgendeine Gestalt, die irgendwo lebt. Gott hilft den Menschen und so.“
Viele Kinder geben sich mit solchen knappen Erklärungen nicht zufrieden und denken selbst über Gott nach, so wie Bastian: „Ich hab mir das alles mal abends überlegt, als ich gedacht hab: Wie könnte Gott eigentlich leben?“
Das Nachdenken der Kinder über diesen „unbekannten Gott“ führt zu ganz spezifischen Gottesvorstellungen, bei denen sich häufig das Interesse am Weltraum mit mythischen Bildern vermischt. Bastian: „Gott? Für mich ist das irgendwie ein Außerirdischer oder so.“ Tom meinte: „Ich könnte mir genauso gut vorstellen, dass Gott eine Außenorganisation ist.“
Familiärer sah es Charlotte, für die Gott „in einem Haus im Himmel über Frankreich lebt, und zwar mit Frau und drei Kindern“, während Jesus als Ältester schon ausgezogen ist. Symbolisch sah es Maja, nämlich: „Wie eine riesige Hand, die die Welt in Händen hält, oder als ganz viele Blubb-Blubb-Blasen unter Wasser, und auf Land wie eine ganz große Decke, die einen beschützt.“
„Den drohenden, angsteinflößenden Gott finden wir bei den Mehrheitskindern nicht“, so Flöter. „In ihrer Welt ist der liebende, helfende, beschützende Gott verankert. Eher verzichten die 10-Jährigen auf die Vorstellung des allmächtigen Gottes, als dass sie das Leid in der Welt mit einem unbarmherzigen Gott in Verbindung bringen.“
Gottesbeziehungen sind zum Teil stark ausgeprägt. „Ich komm mir vor, dass Gott mich mag“, äußerte Cilly. Und Charlotte gestand zum Thema Beten: „Manchmal brauch ich das einfach.“ Auch Pepi gehört zu den Betern: „Wenn ich einen ganz großen Wunsch hab, lege ich mich abends ins Bett und bete, z.B. wenn ich Streit mit meinen Eltern hatte. Und danach geht es mir dann wieder besser und am nächsten Tag vertrage ich mich wieder.“
Insgesamt zeigen die Aussagen der Kinder, dass Gott eine Rolle in ihrem Alltagsleben spielt. Und das, obwohl die klassischen Instanzen für eine religiöse Erziehung, Elternhaus und Kirche, weitgehend ausfallen. Der Religionsunterricht in der Schule ist als einzige Instanz für die Vermittlung von Religion übrig geblieben. Geschichten, in denen Gott vorkommt, sind beileibe nicht nur biblische Geschichten (deren Kenntnis hält sich ohnehin in sehr überschaubaren Grenzen). Es sind kleine Alltagsgeschichten, die die Kinder erzählen, seien es solche über den Schutzengel, über den Gott, der Mut macht oder die Menschen erfreut. So sagte z.B. Nicola, als sie ein Bild mit zwei fröhlichen Kleinkindern in einer Pfütze spielend kommentieren sollte: „Das Bild hier gehört auch zu Gott. Das ist Lebensfreude da auf dem Bild und die Lebensfreude hat auch was mit Gott zu tun.“
Pepi sprach explizit aus, was viele Kinder in den Gesprächen deutlich machten: „Ohne Gott könnt ich mir die Welt überhaupt nicht vorstellen. Und mein eigenes Leben auch nicht.“
„Ihre große kindliche Sehnsucht nach Gott befriedigen die 10-Jährigen“, so Flöter, „indem sie alles aufsaugen, was sie in ihrer Alltagswelt über Gott hören. Aus vielen kleinen Versatzstücken bauen sie sich ihre eigene Theologie zusammen, wobei die jüdisch-christliche Tradition auf Grund des schulischen Religionsunterrichts in den meisten Fällen noch den Rahmen abgibt für ein sehr buntes und vielfältiges Bild.“
Bei den muslimischen Kindern (fünf befragte Kinder) ähnelte das Gottesbild dem der Mehrheitskinder. Enis äußerte sich über den „Wohnort Gottes“: „Also da denk ich, der hat auch so `ne Wohnung, der wohnt ja auch irgendwo, aber man weiß ja nicht, wo er ist, im Weltall, im Himmel.“
Obwohl muslimische Kinder sich Gott nicht konkret vorstellen und schon gar nicht in Form von Bildern malen sollen, registrierte Flöter, dass sich zwei muslimische Mädchen über das Aussehen Allahs stritten. Ceylan: „Ich stell mir Gott ganz anders vor. Dass er gar keinen Bart hat, dass er so jung ist noch. Nicht ein kleiner Junge, aber auch kein Opa.“ Worauf Rigina konterte: „Ich stell ihn mir ganz riesig vor, dass er auch ohne Turban ist. Ich stell ihn mir mit Bart vor.“ Der Streit um Allahs Bart endete schließlich damit, dass beide Mädchen Gott unbedingt malen wollten, und bei beiden ein schöner junger Mann mit langem Kleid und ohne Bart herauskam.
Auch für die muslimischen Kinder, von denen offenbar keines aus einer fundamentalistischen Familie stammte, war Gott verbunden mit Gedanken von Liebe, Schutz und Hilfe. Allerdings spielt bei ihnen der Gedanke an das Gericht nach dem Tod auch eine Rolle. Rigina: „Und dann kommen die Engel und zeigen mir den Weg. Und dann bin ich bei Gott, und der setzt sich hin und sagt mir, wie oft ich immer was falsch gemacht habe.“
Die evangelikalen Kinder (drei befragte Kinder) stehen von frühester Kindheit an unter streng dogmatischer religiöser Erziehung von Seiten des Elternhauses und der Gemeinde. Bei ihnen zeigten sich Vorstellungen eines bedrohlichen, angsteinflößenden Gottes. So erzählte Peter: „Ich kenn die Geschichte von Mose und den zehn Strafen dort, und die zehnte (die Tötung der Erstgeborenen der Ägypter) find ich am besten.“ Auf die Nachfrage, ob das nicht sehr grausam sei, antwortete er: „Doch schon, doch ich fand es auch richtig, weil dem Pharao auch klar wurde, dass Gott der Mächtige ist, der die Macht hat.“
Lisa dagegen quälte sich mit dem Gedanken an ihre eigene Sündhaftigkeit: „Dann hab ich auf einmal gesehen, dass ich nicht richtig lebe als bekehrter Mensch, und dann hab ich mich geändert, und seitdem spür ich auch immer ganz plötzlich, dass ich Sünden getan hab.“
Auf der anderen Seite standen Gedanken vom Erwähltsein und der Herabstufung anderer Menschen, wie Peter formulierte: „Und ich finde auch, wir passen nicht zusammen, weil das ein Unterschied ist zwischen dem Christ und dem andern, dem Nichtchrist“, womit pauschal die anderen Klassenkameraden gemeint waren. Die Muslime wurden von den evangelikal geprägten Kindern besonders negativ eingestuft. „Da werden nur fremde Götter angebetet“, äußerte Peter.
Besonders im Hinblick auf muslimische und evangelikale Kinder sei die Untersuchung mit Sicherheit nicht repräsentativ, so die Religionswissenschaftlerin. Insgesamt aber bestätige ihre Arbeit die These des Psychoanalytikers C.G. Jung, dass Religion eine der ursprünglichsten Äußerungen der menschlichen Psyche sei: „Das in der Psychologie festgestellte Bedürfnis nach Religion und Gott scheint zu den anthropologischen Konstanten zu gehören, die nicht durch die unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen zu verschiedenen Zeiten geändert werden.“ Aus religionspädagogischer Sicht unterstreiche die Untersuchung „die Wichtigkeit des schulischen Religionsunterrichts, der immer darauf geprüft werden muss, ob er der Sehnsucht der Kinder nach Gott Rechnung trägt, ihre Lebenswelten berücksichtigt und die verschiedenen Religionen nicht weiter zur Spaltung der Welt beitragen lässt".

ⓚ Kontakt:
Dr. Ilse Flöter, Institut für Ev. Theologie und Religionspädagopgik, Tel. (priv.) 04248/709, E-Mail: ilse.floeter(Klammeraffe)mail.uni-oldenburg.de
Prof. Dr. Jürgen Heumann, Tel.: 0441/798-4439, E-Mail: juergen.heumann(Klammeraffe)uni-oldenburg.de
 
(Stand: 20.04.2022)