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04. September 2009   374/09  

Kein fester Boden für Niederdeutsch und Saterfriesisch
Symposium „Zehn Jahre Europäische Sprachencharta in Niedersachsen“

Oldenburg. 1999 ist die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, kurz Sprachencharta genannt, in Deutschland in Kraft getreten. Sie hat zum Ziel, die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Europa zu erhalten. In Niedersachsen stehen Niederdeutsch und Saterfriesisch unter ihrem Schutz. Doch hat sich die Situation für diese beiden Sprachen in den letzten 10 Jahren wirklich verbessert?

Diese Frage stand im Mittelpunkt des Symposiums „Zehn Jahre Sprachencharta in Niedersachsen“, das vom Institut für Germanistik der Universität Oldenburg in Kooperation mit dem Niedersächsischen Heimatbund und der Oldenburgischen sowie der Ostfriesischen Landschaft veranstaltet wurde. ReferentInnen diskutierten die unterschiedlichen Bereiche der Sprachencharta – Bildung, Justiz, Verwaltung, Wirtschaft, Soziales sowie Kultur und Medien – und gaben Einblick in die Bedingungen, Chancen und Probleme der Sprachpolitik. Dabei wurde deutlich: Es ist ein weiter Weg von der gesetzlichen Vorgabe bis zur praktischen Umsetzung.

So ist beispielsweise der Bildungsbereich nach Meinung der ExpertInnen zentral für den Erhalt von Sprachen. Hier müssten dringend mehr Möglichkeiten zum Spracherwerb angeboten werden, vom mehrsprachigen Kindergarten über den bilingualen Unterricht in der Grundschule bis hin zu der dafür nötigen Ausbildung von Lehr- und Betreuungskräften. Als eklatanter Mangel wurde verzeichnet, dass es in Niedersachsen zurzeit keine Bestimmungen für das Erlernen von Niederdeutsch oder Saterfriesisch in der Schule gibt. Das Land hat in der Sprachencharta diesbezüglich keine Maßnahmen gezeichnet. Mit nur punktuellen Initiativen, oft außerhalb des Regelunterrichts, lässt sich aus Sicht der ExpertInnen eine Sprache aber nicht erhalten.

Als ebenso wichtig wird der Bereich der Verwaltung erachtet: Werde hier neben dem Amtsdeutsch auch das vertraute Platt oder Seeltersk benutzt, schaffe das nicht nur einen leichteren Kontakt zwischen BeamtInnen und BürgerInnen, sondern drücke auch Wertschätzung für die Menschen und ihre Sprache aus. Es gibt viele gute Beispiele, wie sich Kommunen hier stärker engagieren könnten. Doch die Sprachencharta und ihre Ziele sind viel zu wenig bekannt, so dass der Verantwortung der staatlichen Verwaltungsinstitutionen für die Anwendung dieses Rechtstextes zumeist keine Rechnung getragen wird.

Mangelnde Bekanntheit der Sprachencharta und wenig aktives Handeln von staatlicher Seite für deren Umsetzung haben zu einem bedrohlichen Rückgang der Niederdeutsch und Saterfriesisch Sprechenden geführt, so eines der Ergebnisse des Symposiums. Trotz guter Beispiele aus der Praxis und interessanter Anregungen, zeigten sich die ExpertInnen unter dem Strich enttäuscht darüber, dass die bisherigen Maßnahmen – trotz Sprachencharta – nicht ausreichen, um den beiden Zweitsprachen in Niedersachsen festen Boden für die Zukunft zu geben.

ⓘ www.sprachencharta.uni-oldenburg.de/index.html
 
ⓚ Kontakt:
Prof. Dr. Jörg Peters, Institut für Germanistik Tel.: 0441/798-4589, E-Mail: joerg.peters(Klammeraffe)uni-oldenburg.de
 
(Stand: 20.04.2022)