Kontakt

Presse & Kommunikation

Pressemitteilungen

23. September 2009   400/09   Forschung

Emder Bibel von 1562 jetzt im Internet

Oldenburg. Die 1562 in Emden erschienene niederländische Deux-Aes-Bibel ist ab Dienstag, 29. September 2009, im Internet abrufbar. Ein Team von 60 ehrenamtlichen Mitwirkenden hat den Text in anderthalbjähriger Arbeit komplett abgetippt. Dies war notwendig, weil die alte Frakturschrift von modernen Textscangeräten nicht erfasst wird. Das Projekt wurde vom Oldenburger Niederlandisten Hans Beelen koordiniert.
Zwischen 1562 und 1637 war die Deux-Aes-Bibel in den Niederlanden die meist benutzte Bibel. Sie verdankt ihren Namen einer Randnotiz: „deux aes en heeft niet“. Im Würfelspiel bedeuteten deux aes (zwei und eins) einen niedrigen Wurf. Die Bedeutung: arme Menschen besitzen nichts.
Die Bibel erschien in einer unruhigen Zeit, als Protestanten in den Niederlanden von der spanischen Herrschaft verfolgt wurden. Zahlreiche Calvinisten flüchteten nach Emden, das sich zu einem Zentrum der niederländischen Reformation entwickelte. Hier veröffentlichte der flämische Buchdrucker Gillis van der Erven 1562 die Erstausgabe der Deux-Aes-Bibel, die aus zwei Teilübersetzungen zusammengefügt wurde: das Alte Testament in der Übersetzung von Godfried van Wingen und das von Johannes Dyrkinus übersetzte Neue Testament. Beide Gelehrte hatten bei ihrer Arbeit hoch- und niederdeutsche Lutherbibeln zu Rate gezogen.
Für die Geschichte der niederländischen Sprache ist die im Exil erschienene Bibel von großer Bedeutung. Mit Formulierungen wie allenthalven (allenthalben), gantsch ende gaer (ganz und gar) und ongestuym (ungestüm) wirkt die Sprache noch recht deutsch. Viele aus dem Deutschen stammende Wörter wurden von der Deux-Aes-Bibel in spätere Bibelübersetzungen übernommen und fanden so Eingang in die Umgangssprache. Beispiele sind: diefstal (Diebstahl), gelukzalig (glückselig), huichelen (heucheln), oponthoud (Aufenthalt), schandvlek (Schandfleck), toevallig (zufällig), voorhuid (Vorhaut) und vuurwerk (Feuerwerk). Mithilfe der digitalen Edition kann der Einfluss der deutschen auf die niederländische Sprache nun leichter und genauer erforscht werden.
Die digitale Bibeledition ist das fünfte Projekt des Bijbeldigitaliseringsproject, des größten ehrenamtlichen philologischen Projekts, das es bislang in den Niederlanden gegeben hat. Es wird geleitet von der renommierten Sprachwissenschaftlerin Dr. Nicoline van der Sijs. Bereits editiert wurden die Statenbibel (1637), die Delfter Bibel (1477, das älteste gedruckte Buch der Niederlande), die Löwener Bibel (1584) sowie die niederländische Lutherbibel des Jahres 1648. Für die Entwicklung der niederländischen Nationalsprache, die Standardisierung der Schriftsprache und die Ausbildung der theologischen Begrifflichkeiten der frühen Neuzeit bieten diese und weitere geplante digitale Bibelausgaben eine ideal Forschungsgrundlage. Die Deux-Aes-Bibel kann auf den Webseiten der Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren, des Nederlands Bijbelgenootschap und des Instituut voor Nederlandse Lexicologie eingesehen werden.

ⓘ www.bijbelsdigitaal.nl/
www.dbnl.nl
www.inl.nl /
 
ⓚ Kontakt:
Drs. Hans Beelen, Institut für Fremdsprachenphilologien, Tel.: 0441/798-4581 oder 0441/71172, E-Mail: johannes.beelen(Klammeraffe)uni-oldenburg.de
 
ⓑ 
Bild:
   

(Zum Herunterladen Bild mit rechter Maustaste anklicken und "Ziel speichern unter ..." wählen.)

(Stand: 20.04.2022)