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23. November 2009   526/09  

Bibliothek des Philosophen Karl Jaspers jetzt in seiner Geburtsstadt Oldenburg
50-bändige Jaspers-Gesamtausgabe geplant

Oldenburg. Die vollständig erhaltene Arbeitsbibliothek des Arztes, Philosophen und politischen Schriftstellers Karl Jaspers (1883 – 1969) ist von Basel in seine Geburtsstadt Oldenburg umgezogen. Derzeit werden die rund 11.000 Bände in der Universitätsbibliothek katalogisiert, bevor sie ihren endgültigen Standort im künftigen Karl Jaspers-Haus, einer Villa im Oldenburger Dobbenviertel, erhalten werden. Damit sei ein lang gehegter Wunsch für die Universität und die Stadt Oldenburg in Erfüllung gegangen, sagte Prof. Dr. Mathias Wickleder, Vizepräsident der Universität Oldenburg. Die Hochschule habe in der Vergangenheit viel dafür getan, die Bedeutung des großen Oldenburgers sichtbar zu machen.
Der Ankauf wurde der Universität durch das finanzielle Engagement der Stiftung Niedersachsen und der EWE Stiftung ermöglicht; die Erschließung der Bibliothek wird durch das Land Niedersachsen gefördert.
Dr. Dr. h. c. Hans Saner, Jaspers’ letzter persönlicher Assistent und Herausgeber der Schriften aus seinem Nachlass, hatte die Bibliothek 1974 aus dem Hause Jaspers durch Erbschaft übernommen. Ausschlaggebend für den Verkauf an die Universität Oldenburg waren für Saner vor allem deren Veranstaltungen zum Jaspers-Jahr 2008 mit ca. 100 WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aus der ganzen Welt sowie die national wie international viel beachteten „Karl Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit", die die Universität seit 1990 organisiert. Schließlich überzeugte Saner auch die Zusicherung, dass Jaspers´ Bibliothek in Oldenburg als Einheit für die Forschung leicht zugänglich bleiben werde. Für ihn sei die Privatbibliothek ein Spiegel der Lebensarbeit eines großen Philosophen und zugleich, durch die Fülle der Widmungen, ein Spiegel seines Ansehens in der gelehrten Welt. „Ich hatte das Glück, während 35 Jahren mit diesem kostbaren Instrument arbeiten zu dürfen. Nun bin ich dankbar, dass es langfristig erhalten bleibt, und doch auch wehmütig, dass ich mich von ihm trennen muss“, sagte Saner.
Inhaltlich ist die Bibliothek von Jaspers breit gefächert. Die Philosophie ist mit wichtigen Primärausgaben und der relevanten Sekundärliteratur vertreten, angefangen mit frühen Texten aus Indien und China, Autoren der griechischen und römischen Antike über Mittelalter und Neuzeit bis zum Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Daneben finden sich Werke der Naturwissenschaften, Theologie, Geschichte, Psychiatrie und Psychologie, Weltliteratur und Kunstgeschichte. Natürlich enthält die Bibliothek die Schriften von Jaspers in fast allen Auflagen und Ausgaben sowie ihre Übersetzungen und die dazugehörige Sekundärliteratur. Nach dem Tode von Jaspers (1969) und seiner Frau Gertrud (1974) wurde die Sammlung durch Saner um Neuauflagen und Übersetzungen der Werke von Jaspers sowie um Sekundärliteratur weiter ergänzt.
Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann zeigte sich erfreut über den Erwerb der Bibliothek und darüber, dass sie nun in der Geburtsstadt von Jaspers bewahrt und an der Universität Oldenburg weiter erforscht wird. Die Grundlage für diese Arbeit sei eine fundierte, bibliothekarische Erschließung der Bestände. „Aus diesem Grund“, so Stratmann, „beteiligt sich das Land gern an dem wichtigen, kooperativen Vorhaben, dessen Bedeutung für die philosophische Forschung sicherlich weit über Niedersachsen hinausstrahlen wird“.
Die Bibliothek ist für die Jaspers-Forschung und die geplante „Kommentierte Gesamtausgabe der Werke, des Nachlasses und der Briefe von Karl Jaspers“ deshalb von unschätzbarem Wert, weil dieser laut Saner „grundsätzlich mit dem Bleistift gelesen“ hat und in den Büchern eine Fülle von Anstreichungen, handschriftlichen Anmerkungen und Kommentaren hinterlassen habe. So betonte Joachim Werren, Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen, die den Ankauf zu drei Fünfteln finanziert hat und ihren Anteil der Universitätsbibliothek als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt: „Die Jaspers-Bibliothek ist die Werkstatt des Philosophen. Seine authentischen Gebrauchsspuren erklären uns sein Denken.”
Als künftiger Mitherausgeber der Gesamtausgabe freut sich der Oldenburger Philosoph und Geschäftsführer der Karl Jaspers-Vorlesungen, Prof. Dr. Reinhard Schulz, auf den optimalen Zugang zu Jaspers’ Arbeitsbibliothek in Oldenburg. Die Voraussetzungen für die Beteiligung von Oldenburger WissenschaftlerInnen an der Editionsarbeit würden so deutlich verbessert und die Beschäftigung mit Jaspers’ Werk an der Universität und in Stadt und Region dauerhaft gewährleistet. Neben Schulz und Saner sind Prof. Dr. Anton Hügli (Basel), Prof. Dr. Kurt Salamun (Graz) und Prof. Dr. Reiner Wiehl (Heidelberg) als Hauptherausgeber an der Kommentierten Edition beteiligt, die auf über 50 Bände projektiert ist und im Schweizer Verlag Schwalbe & Co. erscheinen wird.
Die Jaspers-Bibliothek solle, so Hans-Joachim Wätjen, Direktor der Oldenburger Universitätsbibliothek, als ein Ort der nationalen und internationalen Jaspers-Forschung optimale Arbeitsbedingungen bieten und bald zudem für virtuelle Besuche im Internet präsent sein: „Konkret wollen wir in den nächsten Jahren die künftigen Editoren der Kritischen Gesamtausgabe unterstützen, wie wir es bereits erfolgreich bei den Gesamtausgaben der Werke Ossietzkys und Tucholskys getan haben. Wir werden dabei auch mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach kooperieren.“
Die Bibliothek soll im Erdgeschoss eines noch zu renovierenden Hauses so aufgestellt werden, wie sie seinerzeit von Jaspers genutzt wurde. Das Haus wird auch die im Jaspers-Jahr entstandene Biographieausstellung zu Leben und Werk des Oldenburger Denkers beherbergen. Gezeigt werden auch eine Reihe von Gegenständen aus dem ehemaligen Arbeitszimmer von Jaspers, die Saner der Universität als Schenkung vermacht hat: sein Schreibtisch, die Schreibmaschine seiner Frau, einige Aquarelle des Vaters und andere persönliche Gegenstände – darunter auch die Zyankali-Kapseln, die Jaspers für den Fall der Verhaftung seiner jüdischen Frau durch die Gestapo bereithielt.

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ⓚ Kontakt:
Hans-Joachim Wätjen, Bibliotheks- und Informationssystem,
Tel.: 0441/798-4010 oder 0175/2652669, E-Mail: hans.j.waetjen(Klammeraffe)uni-oldenburg.de
 
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