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Jelena Zumbach

Ute Koglin

9. September 2016    298/16    Forschung

Kinderbilder nicht überinterpretieren:  Bildgestaltung laut Studie losgelöst von familiärer Situation

Analyse von gut 200 kindlichen Kunstwerken – Erkenntnisse in rechtspsychologischer Fachzeitschrift veröffentlicht 

Oldenburg. Wenn Kinder malen, erfreut dies Eltern und Großeltern und ist zugleich pädagogisch wertvoll – doch die Gestaltung der Bilder sollten die erwachsenen Betrachter keinesfalls überinterpretieren. Zu diesem Schluss kommen die Psychologinnen Prof. Dr. Ute Koglin und Jelena Zumbach von der Universität Oldenburg aufgrund eines Forschungsprojekts, dessen Ergebnisse sie nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Rechtspsychologie“ veröffentlicht haben. Sie wollten wissen: Lässt sich aus einem kindlichen Selbstporträt und einer Zeichnung der eigenen Familie überhaupt etwas über das Kind und seine familiäre Situation herauslesen? Nein, so das Resümee der Expertinnen für sonder- und rehabilitationspädagogische Psychologie. Eine Analyse der Bildgestaltung zeigte keine belastbaren Zusammenhänge, weder mit der Familienkonstellation noch mit elterlichen Belastungen, dem Erziehungsstil oder etwaigen Verhaltensproblemen des Kindes.

„Unser Ziel war, die Analyse der Bilder objektivierbar, nachvollziehbar zu machen“, sagt Ute Koglin. „Darauf wird in der Regel leider verzichtet.“ Denn die Interpretation kann kindlichen Kunstwerken teilweise eine ungeahnte Tragweite verleihen: etwa wenn sich angesichts eines düster geratenen Kinderbildes Außenstehende über mögliche belastende Lebensumstände sorgen und sich ans Jugendamt wenden. Oder wenn ein Gutachter in einem gerichtlichen Sorgerechtsstreit das Malen nicht nur als Anknüpfungspunkt für das Gespräch mit einem Kind nutzt, sondern aus dem Gezeichneten Rückschlüsse auf mögliche Probleme der Eltern oder mit den Eltern zieht.

Vor diesem Hintergrund legten die beiden Psychologinnen ein Forschungsprojekt auf. Vier Studierende gingen in Kindergärten der Region, ließen Eltern Fragebögen ausfüllen – und deren vier- bis sechsjährige Kinder mit Buntstiften Familienbilder und Selbstporträts zeichnen. 102 Kinder und ihre Eltern nahmen teil.

Die Studierenden, deren Bachelorarbeiten im Rahmen des Projekts entstanden, umrandeten jede Figur mit dem jeweils kleinstmöglichen Rechteck und maßen dessen Größe – vor dem Hintergrund, dass Kinder im Vorschulalter laut Studien Wichtiges größer darstellen. Sie ermittelten zudem die Distanz zum Beispiel zwischen dem gezeichneten Kind und seinen Elternteilen, gemessen von Mittelpunkt zu Mittelpunkt der Rechtecke. Dann überprüften sie wechselseitige Zusammenhänge mit den Ergebnissen der Fragebögen, die elterliches Erziehungsverhalten und Belastungsempfinden sowie das Problem- und Sozialverhalten der Kinder quantifizierten. Zusätzlich hatten die angehenden Sonder- und Rehabilitationspädagogen die familiäre Situation erfragt, etwa die Anzahl der Geschwister oder eine mögliche Trennung der Eltern.

Die Analyse zeigte keine Geschlechterunterschiede – so zeichneten sich Jungen und Mädchen im Durchschnitt ähnlich groß und breit. Dass Einzelkinder sich selbst hingegen im Familienbild etwas breiter zeichneten als dies ihre Spielkameraden mit Geschwistern taten, entpuppte sich schlicht als Platzfrage.

Bei einigen Psychologen kursierende Vermutungen wie diejenigen, ängstliche Kinder malten sich besonders klein oder hyperaktive Kinder zeichneten sich besonders groß, bestätigte die Studie nicht. Lediglich zwei schwache Zusammenhänge zwischen Fragebögen und Bildgestaltung fanden sich überhaupt: So zeichneten Kinder, deren Eltern besonderen Wert auf eine Erziehung zur Autonomie legten, ihre Mütter tendenziell etwas breiter. Außerdem malten Kinder, deren Eltern mehr Symptome der Hyperaktivität ankreuzten, sich selbst tendenziell etwas breiter. Aber dies sei inhaltlich wenig aussagekräftig, betont Koglin: „Diese Korrelationen sind aus unserer Sicht artifiziell, künstlich, und kaum belastend zu interpretieren.“

Laut Doktorandin Jelena Zumbach ist die wichtigste Schlussfolgerung, „dass Zeichnungen natürlich etwas beinhalten können, das mit der Erlebniswelt, den Gefühlen, auch belastenden Erlebnissen eines Kindes zu tun hat. Aber das muss nicht so sein.“ Ein Bild sollte vielmehr als Medium dienen, vom dem ausgehend Erwachsene Fragen stellen und das Kind zum Erzählen auffordern könnten. Koglin konstatiert: „Malen ist toll und jedem Kind zu empfehlen: zum Üben der Feinmotorik, für die kognitive Entwicklung – aber bitte nicht als diagnostisches Instrument.“    

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Kontakt

Prof. Dr. Ute Koglin, Tel.: 0441/798-2644, E-Mail: ; Jelena Zumbach, Tel.: 0441/798-2759, E-Mail:

(Stand: 20.04.2022)